Sehvermögen unserer heimischen Wildtiere – Teil I

Sehvermögen

Rehwild ♂

Einleitung

Wer sich viel in der Natur bewegt und vielleicht sogar noch versucht sich unserer heimischen Tierwelt zu nähern, kommt irgendwann an Tarnung nicht vorbei.
Doch was bringt optische Tarnung in Bezug auf das Sehvermögen der Tiere eigentlich? Wie wirkt diese und ist sie überhaupt wirksam ? Zumindest wenn es um die optische Tarnung geht, sollte man sich mal mit dem Sehvermögen unserer Wildtiere beschäftigen.
So kann man dann verschiedene Tarnstoffe, Tarnmuster, Tarnkleidung und auch Wild-Vergrämungsmaßnahmen besser verstehen und… sich überlegen ob gewisse Werbebotschaften von manchen Herstellern überhaupt begründet sind.
Im Folgenden versuche ich auf die Thematik genauer einzugehen.
Dieser Beitrag ist der Erste aus einer kleinen Reihe von Informationen zu dieser Thematik. Ein Video und weitere Artikel werden demnächst folgen und die Informationen hier ergänzen.
Sobald diese „online gehen“ werden sie an entsprechender Stelle verlinkt.
Heute aber mal etwas zu den Grundlagen :)
Viel Spaß!

Wellenlänge des Lichtes und Farben

Die Sonne, das Auge und die Evolution…. So einfach ist das eigentlich.
Die Sonne erzeugt durch die ständigen Prozesse der Kernfusion permanent unvorstellbare Mengen an Energie. Ein Teil davon findet als Photonen, also Licht, den Weg zu uns auf die Erde und trifft auf unsere Umgebung. Diese Energiestrahlung ist letztlich wellenförmig und zudem sehr komplex. So unterscheiden sich die Wellenlängen oder auch die Frequenzen die uns erreichen deutlich. Manche sind für uns sichtbar, andere unsichtbar. Und da geht es auch schon los.

Wenn wir uns die folgende Grafik anschauen stellen wir fest, dass wir Licht in einem Wellenlängenbereich von ~ 380nm (nm=Nanometern) bis ~780nm sehen können.
Alle anderen liefern uns einfach keine optischen Informationen, da uns dafür die nötigen Rezeptoren fehlen.

Sehvermögen - MenschCC BY-SA 3.0


Erfreulicherweise können wir also Farben sehen. Das gelingt mittels Photorezeptoren in unseren Augen, die sich in der Netzhaut, sprich im hinteren Teil unserer Augen liegen. Lichtwellen dringen in diese Zapfenzellen ein und erzeugen einen Nervenimpuls welcher durch den Sehnerv ans Hirn weitergeleitet wird. Unser Hirn wandelt diese Informationen dann in ein Bild um. Die Besonderheit des menschlichen Auges ist, dass wir drei verschiedene Zapfen-Typen im Auge haben. Jeweils welche für „Rot, „Grün“, und „Blau“. Zudem besitzen wir Stäbchenzellen welche für das Sehen in lichtschwachen Situationen zuständig sind.  Sie erzeugen ein deutlich kontrastärmeres und weniger scharfes Abbild unserer Umgebung. Zudem gehen Farbinformationen verloren. Die Stäbchen verfügen nur über einen einzigen Pigment-Typ und dieser ist sensibel für den Blaubereich. In der Dämmerung und vor Allem nachts wirkt also alles blau-oder gar grau, sprich farblos.

UV Licht (100-400 nm)

Manche Wellenlängen können bei längerfristigem Eindringen in unser Gewebe Schäden hervorrufen. Sollte unser Gewebe lange starker Sonnenstrahlung ausgesetzt sein, bekommen wir einen Sonnenbrand. Das gilt auch für das Auge. Sind wir lange starker UV-Strahlung  (Ultra Violett) ausgesetzt, treten Gewebe-Schädigungen, bis hin zur Erblindung, auf. Die ersten Schäden würden wir aber erst nach ca. 10 Jahren merken. Da der Mensch im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren lange lebt, fehlt ihm also evolutionsbedingt die Möglichkeit UV Strahlung wahrzunehmen.

Infra Rot (780 nm-1 mm)

Um Infrarot sehen zu können benötigt man natürliche entsprechende Sinneszellen. Unsere Augen, und die der heimischen Wildtiere besitzen diese allerdings nicht. Die sogenannten Grubenorgane finden sich lediglich in einigen Reptilien und Fischen. Der Infrarotbereich bleibt uns also verschlossen. Dennoch gibt es einige Berichte von Jägern z.B. die meinen, dass manche Wildtiere auf den Infrarot Blitz von Wildkameras reagieren würden. Da stellt sich jedoch die Frage ob die Blitze wirklich nur Energie im IR Bereich abgeben oder ob die Wellenlänge etwas breiter gestreut ist und ggf. in den sichtbaren Bereich mit übergeht.

Aufbau und Funktion des Auges

Gemeinsamkeiten – Mensch & Tier

Licht dringt durch die Hornhaut und die Linse in den Glaskörper des Auges ein und landet schließlich auf der Netzhaut. Die Netzhaut beinhaltet die Photorezeptorzellen wie die Stäbchen und Zapfen. Wenn Licht auf diese Zellen trifft, werden diese stimuliert und leiten die Informationen über den Sehnerv ans Gehirn weiter, wo dann aus allen gesammelten Informationen ein Bild entsteht. Grob kann man sagen, dass die Zapfenzellen für das Farbsehen sowie das scharfe Sehen zuständig sind.
Die Stäbchenzellen sind deutlich häufiger aber sozusagen ungenauer. Sie sind durch Licht leichter zu stimulieren, also lichtempfindlicher, können aber Informationen nicht so scharf auslösen. Sie dienen dem Dämmerungssehen und bieten keinerlei Informationen zu Farben.

Menschliches Auge

Im menschlichen Auge finden sich insgesamt drei verschiedene Zapfentypen. Sie werden nur durch bestimmte Wellenlängen des Lichtes stimuliert und dienen somit der Unterscheidung der Farben „Rot“, „Blau“ und „Grün“. Die Anzahl und Anordnung ermöglicht ein sehr scharfes Sehvermögen. Stäbchen sind allerdings nicht sonderlich viele enthalten, daher ist unser Sehvermögen in der Dunkelheit relativ schwach. Bedingt durch die Tatsache, dass unsere Pupille sich nicht sonderlich weit öffnen kann, kommt zudem auch noch weniger Licht ins Auge als bei manchem Tier.
Da UV-Licht unser Augen-Inneres mit der Zeit schädigen würde, sind wir nicht in der Lage es zu sehen.

Auge eines heimischen Wildtieres
Rehkitz

Unsere heimischen Säugetiere besitzen hingegen nur zwei verschiedene Zapfenzellen. Für „Grün“ und „Blau“. Ihnen fehlt also die Fähigkeit Rottöne wahrzunehmen. Nach unserer Definition sind sie also farbenblind. Da die Rezeptoren für rotes Licht fehlen, kann man davon ausgehen, dass sie Wellenlängen jenseits der 570 nm nicht mehr wahrnehmen. Da das rote Lichtspektrum geht bei 780nm in den Infrarot IR Bereich über. Um diesen wahrnehmen zu können braucht es wiederum spezielle Organe, das Grubenorgan und Labialgruben.
Ultra Violettes Licht UV ist hingegen für einige Tiere noch wahrnehmbar. Also Licht mit einer Wellenlänge <380nm.
Die Stäbchenzellen im Auge sind hingegen gut ausgeprägt und deutlich zahlreicher als im menschlichen Auge und ermöglichen so ein um den Faktor 100 besseres Sehvermögen in der Dämmerung im Vergleich zum Menschen. Zusätzlich kann sich die Pupille noch deutlich weiter öffnen als beim Menschen und ermöglicht so, dass mehr Licht ins Auge eintritt.
Doch damit nicht genug. Einige Tierarten, wie z.B. das Rotwild, besitzen die Fähigkeit zur Kaltlicht Reflektanz. Das bedeutet, dass Lichtstrahlen, die im Auge nicht vollständig durch Zapfen und Stäbchen absorbiert wurden im Auge wieder reflektiert werden und nochmals auf die Sinnenzellen treffen. Durch diesen Vorgang wird das Restlicht, dessen Informationen normalerweise einfach verloren gehen würden, nochmals auf die Sinnenszellen geleitet und ermöglicht sozusagen eine zweite Chance, die Informationen auszulesen. Diese Reflektionen im Auge dringen zum Teil auch wieder nach außen. Diesen Effekt kennen wir als „Katzenauge“. Wird ein Auge eines entsprechenden Tieres in der Dunkelheit also angeleuchtet, sehen wir ein helles, meißt grün-bläuliches Funkeln.
Festzuhalten bleibt also, dass unser Wild im UV-, Blau- , Grün- und etwas im Gelbbereich sehen kann.  Rottöne und Infrarot bleiben ihm allerdings verborgen. Anhand der Rotschwäche erklärt sich auch, weshalb Jäger in ihren roten Neonwesten durch den Wald marschieren können, das dem Wild aber nicht weiter auffällt. Mitjäger hingegen nehmen die Warnfarbe im Idealfall sofort wahr. (Bildbeispiel unten)

Wild kann nicht sonderlich scharf sehen, dafür aber Umrisse und Bewegungen sehr gut wahrnehmen. Manchmal reicht es  schon, wenn es vage eine menschliche Silhouette wahrnimmt um die Flucht zu ergreifen. Vor Allem, wenn sich diese dann noch bewegt. Zudem fallen unseren Tieren Kontraste und helle Flächen sehr auf. Wichtig ist also, das Gesicht und die Hände möglichst zu bedecken.

Habicht - Sehvermögen

Einige Tiere, wie z.B.  Rotwild, einige Vögel und Insekten hingegen besitzen eine für UV-Strahlung durchlässige Augenlinse und können somit auch UV Licht wahrnehmen. Da ihre Lebenserwartung aber in der Regel deutlich unter 15 Jahren liegt entstehen ihnen dadurch keine Nachteile. Vorteile hingegen allerdings eine ganze Menge.

So werden Urinkristalle in den Ausscheidungen von Beutetieren durch das UV-Licht der Sonne quasi aufgeladen und leuchten in den entsprechenden Wellenlängen für manche Vögel sichtbar. So können Greifvögel also aus großer Höhe schon erkennen, dass eine Maus grad eine frische Urinspur hinterlassen hat und sich noch in der Nähe herumtreiben müsste. Für uns ist das ebenso eine sehr relevante Information. Optische Aufheller in Waschmitteln reflektieren UV-Licht ebenso. Für uns unsichtbar, können Rehe usw. uns mit frisch gewaschener Tarnkleidung allerdings als wandelnde Disco-Kugel wahrnehmen. Mehr dazu habe ich an dieser Stelle schon mal erklärt.

Schlußfolgerung

Um sich vor Säugetieren zu tarnen braucht es nicht allzu viel. Die menschlichen Umrisse sollten aufgelöst werden. Dies gelingt beispielsweise mit sogenannten 3d Tarnmaterialien sehr gut. Als Beispiel fallen mir hier die Tarnanzüge mit aufgenähten Blättern ein. Sofern wir jetzt den Farbbereich berücksichtigen, den die Tiere Wahrnehmen können, ist die rein optische Tarnung schon fast perfekt. Es gilt dann bloß noch, Bewegungen zu minimieren. Naja, es sollte zudem keine hohen Kontraste zur Umgebung geben. Wenn man mit einem recht dunklen Tarnanzug im hellen Strandsand liegt, wird das nicht sonderlich viel bringen. Mit Glück geht man dann als Treibgut durch.
Die Tatsache, dass einige Hersteller mit Infrarotfarben bedruckten Stoffen werben scheint mir etwas weit hergeholt. Wir stellen ja fest, dass unsere Tieren die dafür notwendigen Organe bzw. Zellen fehlen. 
Passt euch von den Farben und der Helligkeit der Farbtöne an eure Umgebung an, schaut zu, dass ihr eure Silhouette auflöst, verhaltet euch möglichst still und vermeidet ruckartige Bewegungen. Gesicht und Hände gilt es unbedingt zu bedecken, da diese Flächen mit hellen Hauttönen durch unsere Tiere sehr gut wahrnehmbar sind.
Als Beispiel zum Farbsehen habe ich euch mal ein Bild etwas bearbeitet. Oben den menschlichen Blick, unten das aus Sicht unseres Wildes.

Sehvermögen - Vergleich

menschliche Sicht (oben) und simulierte Tiersicht (unten)

 

 

 

 

 

 

 

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